Bürgerinitiative Lebenswertes Hüls e.V.
Bürgerinitiative Lebenswertes Hüls e.V. 

Ein Hülser Traum - unsere Vision!

 

Ein Hülser Traum

 

Hans-Martin Große-Oetringhaus

 

„I have a dream!“ So machte einst Martin Luther King am 28.August 1963 beim Marsch auf Washington für Arbeit und Freiheit auf seinen Wunsch nach einem menschlicheren, freiheitlichen und gleichberechtigten Leben zwischen Schwarz und Weiß in seinem Land aufmerksam. Sein Traum hatte nichts mit einem Wegträumen aus der Realität in eine phantastische Märchenwelt zu tun. Vielmehr ging es um den Kampf um jene Rechte, die die Unabhängigkeitserklärung und die Verfassung des Landes allen Menschen der Vereinigten Staaten bereits seit langem versprach und bis heute noch nicht voll und ganz eingelöst hat.

 

Vorstellungen und Träume von einem besseren Leben hat es immer gegeben und gibt es auch heute. Der Vergleich mag sehr hochgegriffen und verwegen sein. Aber auch hier in Hüls hegen Menschen einen Traum. Es ist der Traum von einem Leben in einem ökologisch intakten Ort, in dem die Luft noch rein ist, in dem urbane Sturzfluten keine akute Gefahr darstellen, in dem die Straßen nicht im Verkehr ersticken und der seinen Charme mit Grünen Lungen bewahrt, die nicht nur für Vögel, Amphibien und andere Kleintiere ein Refugium bilden, sondern gerade auch den Menschen ermöglichen, sich hier wohl und zuhause zu fühlen.

 

Auch diesen engagierten Bürgerinnen und Bürgern ging es nicht darum, aus der Realität in einen Traum zu fliehen. Vielmehr begannen sie, eine Vision zu entwickeln und aus ihr eine konkrete Utopie zu entwerfen. Mit deren Verwirklichung wollten sie Erfahrungen aus der Vergangenheit, Problemlösungen der Gegenwart und Lebensvorstellungen für die Zukunft miteinander verbinden.

 

Und konkret waren ihre Vorstellungen in der Tat. Die machten sich an dem Bereich der Gärten zwischen Fetter Henn/ Kretenbäskes Weg / Hinter der Papenburg und Klever Straße fest. Dort sollte ein Wohnbaugebiet entstehen. Nicht nur diejenigen, die in direkter Nachbarschaft leben, beunruhigten solche Pläne, sondern vor allem auch jene Hülserinnen und Hülser im gesamten Ort, die nicht noch weitere Fläche ihrer Heimat  versiegelt haben wollten, um dadurch nicht noch mehr ökologische Probleme zu bekommen.

 

Ein kleines Paradies war in Gefahr, zerstört zu werden. Denn solche grünen Inseln mitten im Ort mit ökologischen Nischen für ein artenreiches Pflanzen- und Tierleben machen nicht nur den Charakter und den Charme von Hüls aus, sie sind auch mit dafür verantwortlich, dass die ökologische Struktur des Ortes in vielen Bereich noch intakt ist. Eine weitere Versiegelung Hülser Bodens würde diesen Lebenswert von Hüls zerstören.

 

Aber man sah sich nicht in erster Linie als Nein-Sager und war lediglich gegen etwas. Vielmehr verstand man sich als Ja-Sager und setzte sich für eine Alternative zu den Versiegelungsplänen ein. So entstand ein Traum. Und aus ihm entwickelten engagierte Hülserinnen und Hülser die konkrete Utopie eines Hülser Naturparks Grüne Lunge. Eine gewagte Vision. Aber gewagte Visionen haben nur eine Chance, wenn man sich durch ihre Größe nicht einschüchtern lässt und sich mutig für sie einsetzt. Das wusste einst nicht nur Martin Luther King. Und wir wissen das heute auch.

 

Dabei waren die Visionen gar nicht so übermäßig verwegen, die für das Gelände der Grünen Lunge in Hüls entstanden. Wie leicht es ist, sich auszumalen, was alles aus einem ehemaligen Gärtnereigelände entstehen kann, kann jeder nachvollziehen, der sich auf einen der Totholzhaufen setzt und seine Blicke in die Runde schickt. Wer dann auch seine Ideen noch ein paar Purzelbäume schlagen lässt, dem fällt es nicht schwer, sich hier einen bunten Bauerngarten vorzustellen. Er würde nahtlos an die frühere Nutzung dieses Geländes anknüpfen. Vor dem geistigen Auge kommen Kinder, Schülerinnen und Schüler aus den umliegenden Kindergärten und Schulen hierher, um ihn anzulegen und zu pflegen, um einen Bezug zur Natur zu bekommen, sie lieben zu lernen und für sie Verantwortung zu übernehmen.

 

Die bestehenden Gärten würden sich anfügen. So könnte hier deutlich gemacht werden, dass es sich um ein mit seinen Parzellen traditionelles Gartengelände handelt, dass bereits im Kartenmaterial des frühen 19. Jahrhunderts zu finden ist und das Grundstücke ausweist, die sich bereits seit ca. 1840 in Familienbesitz befinden und auf denen traditionell Gartenarbeit betrieben wurde.

 

Wer es bequemer als auf dem Totholzhaufen haben möchte, kann sich eine Bank vorstellen, die zu einem kleinen Treffpunkt zählt, der das Zentrum eines Hülser Naturparks Grüne Lunge werden könnte. Es könnte ein Ort werden, wo sich Natur und Kultur begegnen. Wie wäre es zum Beispiel mit einem kleinen Atrium aus Steinplatten, in dem Veranstaltungen wie Lesungen in Hülser Mundart oder zu lokalen Themen stattfinden könnten? Hülser Autorinnen und Autoren hätten hier einen Ort, an dem sie kein Vogelgezwitscher als Störung empfinden würden. Oder jemand greift zur Gitarre oder Flöte: Konzerte zwischen Ranunkeln, Dahlien, Sonnenauge, Calendula, Wicken und was so ein Garten sonst noch an bunter Fülle hergibt. Aber auch Gesprächsrunden zu aktuellen, historischen oder naturkundlichen Themen sind vorstellbar. Hier könnten zum Beispiel auch in jedem Frühling ein kleiner Pflanzentauschmarkt oder im Sommer ein Gartenfest stattfinden.

 

Um den kulturellen Charakter dieses Ortes zu betonen und ihm einen zusätzlichen Akzent zu geben, böte sich zum Beispiel an, hier eine Skulptur des renommierten Hülser Künstlers Prof. Albrecht aufzustellen. Natur und Kultur könnten auf diese Weise eng miteinander verzahnt werden und sich gegenseitig befruchten. Ja, wenn man der Phantasie erst einmal freien Raum lässt und sie nicht in Beton und Teer einsperrt, kann viel entworfen werden, für das sich ein Einsatz lohnt.

 

Lasst uns in unser Vision noch mutiger werden und diesem Garten ein Gelände anfügen, das gleich nebenan liegt. Lange Jahre war nur wenigen Hülsern bekannt, dass sich unterhalb der Kleverstraße der erste jüdische Friedhof der Gemeinde Hüls befindet, genau dort, wo heute jenes Gebiet anschließt, das die einen zubetoniert haben möchten und auf dem sich andere einen Hülser Naturpark Grüne Lunge erträumen.

 

1946 wurden die Gemeinden von der Landesregierung in Düsseldorf angewiesen, eine Aufstellung über alle jüdischen Friedhöfe und deren Zustand zu erstellen und an die zuständige Behörde zu übermitteln. Die Gemeinde Hüls aber verschwieg den alten jüdischen Friedhof, meldete der Behörde lediglich den späteren am Strathof und entkam so den mit der Nachweispflicht verbundenen Restitutionsleistungen. Dieses Versäumnis könnte heute korrigiert und gleichzeitig ein wichtiges Stück Erinnerungskultur konkret umgesetzt werden.

 

Da die seinerzeit entfernten Grabsteine im Bruch zum Teil wieder aufgetaucht sind, bieten sie die Chance, wieder am alten Ort an die verstorbenen jüdischen Mitbewohner unseres Ortes zu erinnern. Nach der jüdischen Friedhofskultur gilt die Totenruhe für die Ewigkeit. Die Aufarbeitung einer belasteten Hülser Epoche und der Umgang mit diesem besonderen geschichtlichen Erbe würden hier einen würdigen Ort erhalten. Eine Skulptur oder eine erläuternde Gedenktafel könnte die pädagogische Bedeutung dieser Gedenkstätte sicherlich noch erhöhen.

 

Denn der Charakter unseres Ortes ist nicht zuletzt durch das jüdische Leben, dass sich in diesem Bereich von Hüls seit dem 17. Jahrhundert entwickelte und mit der NS-Diktatur ihr jähes Ende nahm, mitgeprägt. Die Ruhe der Toten spiegelt sich auch in der Ruhe der umliegenden Gärten und Natur wieder, die vielen Hülser Bürgerinnen und Bürgern bisher verschlossen blieb. Das Sichtbarmachen von historischen Ereignissen und die Bedeutung eines Ortes aktiv zu erleben,  kann uns helfen, über die Theorie hinaus einen Ort mit seinen Geschehnissen zu verknüpfen und kann beim Erkennen und Lernen wichtige Unterstützung leisten. Insbesondere in Zeiten zunehmenden Ressentiments gegenüber fremden Kulturen und Religionen ist es wichtig, die Geschehnisse der Vergangenheit sichtbar zu machen und im kollektiven Gedächtnis zu behalten.

 

Genau am anderen Ende des Parks zum Kretenbäskesweg hin liegt ein verwunschenes Schilfgelände, das bereits jetzt schon geschützt ist und einen wertvollen Abschluss des Hülser Naturparks Grüne Lunge bilden würde. Hier raschelt es geheimnisvoll, wenn der Wind über die Halme streicht. Und hier saugt der Boden bei hereinbrechenden Unwettern die Wasserfluten besonders bereitwillig auf – ein Biotop, das sich genial in einen Hülser Naturpark Grüne Lunge einfügt.

 

Zwischen den beiden Polen von jüdischem Friedhof und Schilfdickicht erstrecken sich die Gärten. Sie bilden eine wunderbare, naturnahe Synthese von urwaldähnlichem Gestrüpp und sorgsam gepflegten Gärten mit ihren alten Obstbäumen und Hecken, in denen neben akkurat beschnittenen Johannisbeersträuchern wildes Brombeergestrüpp wuchern darf. Wo neben Brennesseldickicht Zucchini und Tomaten Sonne tanken können und dazwischen Calendula, Bärlauch und Stockrosen wachsen dürfen. Nach wie vor werden diese Gärten das zentrale Element der Grünen Lunge ausmachen und den Lebensraum für ein sehr artenreiches Tier- und Pflanzenleben ermöglichen.

 

All diese Park-Elemente werden von zwei Bändern miteinander verbunden: dem bereits bestehenden Entwässerungsgraben als naturnah gestaltete Grüne-Lunge-Ader und einem Grüne-Lungen-Weg , der den bisherigen Trampelpfaden und Wegführungen folgen könnte und das Gelände naturinteressierten Besuchern zugänglich macht. Und wer genügend Fantasie hat, sieht bereits an verschiedenen Stellen Infotafeln, die die Bedeutung von Flora und Fauna erläutern. Gerade in Zeiten, in denen die Entfremdung von Kindern und Jugendlichen zur Natur zunimmt, könnte hier ein wichtiger Beitrag dazu geleistet werden, ihnen die Liebe zur Natur nahezubringen und ihnen die Bedeutung von ökologischen Flächen gerade auch innerhalb eines Ortes zu erläutern. Möglicherweise könnten sogar Schulen in Projektwochen solche Tafeln erstellen.

 

Eine solche Vision ist bereits eine sehr konkrete Utopie. Oder nennen wir sie auch Gesamtkonzept. Es berücksichtigt nicht allein ökologische Gesichtspunkte. Vor allem würde die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit ihrem Wohnort durch die Schaffung eines Ortes gefördert, der historische  Entwicklungen erfahrbar macht. So würde einer moralischen Verpflichtung nachgekommen und ein würdiges Gedenken an die ehemalige jüdische Gemeinde von Hüls geschaffen. Nicht zuletzt würde ein Ort geschaffen, der Ökologie, geschichtliches Erinnern und kulturelle Möglichkeiten ideal miteinander verbindet und damit auch eine wichtige pädagogische Funktion gerade auch für Kinder und Jugendliche übernehmen kann.

 

Alles nur ein versponnener Traum? Martin Luther Kings Traum musste sehr lange geträumt werden und für ihn mussten Generationen kämpfen. Endgültig verwirklicht werden konnte er bis heute nicht. Für großartige Träume, für verwegene Visionen, braucht man einen langen Atem. Das wird beim Hülser Traum nicht anders sein. Aber es wird sich lohnen, ihn konkret werden zu lassen. Für ein lebens- und liebenswertes Hüls.

 

 

 

 

 

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